Liebeserklärung an mein Leben
Wir können ein Leben der Schönheit schaffen,
in dem trotzdem Raum ist für Mängel und Fehlschläge,
die ein unvermeidlicher Bestandteil aller menschlichen Erfahrung sind.
Desmond Tutu
In einer Gesellschaft, die ausschließlich auf Erfolg und Glück getrimmt ist, ist eine Liebeserklärung an das eigene Leben eine Herausforderung. Die menschliche Liebesfähigkeit wurde und wird durch das ausschließlich technisch-funktionale Denken geleugnet und der Mensch selbst wird auf Leistung reduziert.
Liebe und Schönheit sind nicht messbar, dennoch gibt es sie. Der Alltag steckt voller Geheimnisse. Mit unserem Wissen erfassen wir nur einen geringen Teil dessen, was auf der Welt und in uns selbst vor sich geht. Manche Menschen haben die Fähigkeit, andere zu ermutigen und manche können uns trösten, ohne zu vertrösten. Dies gelingt meistens dann, wenn wir Menschen begegnen, die uns selbst, unsere Fragen und unsere Zweifel ernstnehmen. Also Menschen, die sich Zeit nehmen für ein Gespräch und bereit sind zuzuhören.
Tatsache aber ist, dass ich ein Mensch bin, der es braucht,
dass seine Entscheidungen im Rahmen eines Dialoges mit anderen geboren werden.
Václav Havel
Die Liebeserklärung an das eigene Leben braucht einen Dialog mit anderen und ist wesentlich durch Zuhören gekennzeichnet, durch Mitgefühl, Nachdenken und Sprechen. Bei einem Dialog, in dem das Wahrnehmen und das Zuhören des anderen gelingt, entstehen neue Ideen und möglicherweise ein tieferes, befreiendes Verständnis für sich selbst. Mit befreiend ist gemeint, man kommt seinen Gewohnheiten auf die Spur. Gewöhnung ist eine Lebenshaltung, in der ich mich um eine eigene Stellungnahme betrüge. Dann wirkt die Gewohnheit wie ein lähmendes Gift, das mein ganzes Dasein durchzieht und mich daran hindert wirklich zum Leben zu kommen.
„Es ist perfide: Gerade die Aufforderung, geschmeidig, anpassungsfähig, produktiv und glücklich
unter gleich welchen Umständen zu sein, bewirkt eine ganz neue Verletzbarkeit,
weil sie uns allein lässt und überfordert.„
Kathrin Fischer

Es gibt eine Fülle von sogenannten Achtsamkeits-Apps zur Optimierung des Selbst. Optimierung hat nur sehr wenig mit einer Liebeserklärung an das eigene Leben zu tun. Dort, wo Achtsamkeit zur Ideologie wird, zu einem bedingungslosen Erfüllen von Vorgaben, verlieren Menschen die Beziehung zu sich selbst. Sie haben ihre persönliche Wahlmöglichkeit einer äußeren Norm geopfert.
„Bei dieser Achtsamkeitspraxis geht es nicht mehr um Einsicht oder die Veränderung einer als schädlich empfundenen Lebensweise.“
Kathrin Fischer
Es ist keine Lösung, diverse Achtsamkeitstechniken zu trainieren, um körperliche und seelische Überforderungen nicht wahrzunehmen.
„Erfolgreiche Menschen glauben oft, sie hätten ihren Erfolg allein erarbeitet – ohne die Unterstützung durch öffentliche Infrastruktur
und ein funktionierendes Rechtssystem.“
Kathrin Fischer
Es ist tragisch, wenn einige vergessen, dass sie trotz aller Leistung, vieles anderen verdanken und nicht selbst ihres Glückes Schmied sind.
„Jede bekommt, was sie verdient entsprechend ihrer Leistungen. Den daraus resultierenden Widerspruch bezeichnet der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel als Gift, das die Gesellschaft spaltet.“
Link zur Homepage von Kathrin Fischer
Von Angsterkrankungen sind immer mehr Menschen – egal welchen Alters – betroffen. Dennoch gelingt es den wenigsten durch erneute Vorgaben, wie Achtsamkeit geht, echte innere Ruhe zu finden. Hier geschieht eine Fremdbestimmung, welche das Vertrauen ins Leben nicht stärkt, sondern verringert. Menschen vertrauen den Rezepten mehr als ihrem inneren Gespür. Vertrauen ins Leben finden wir bei Menschen, die schwere Zeiten bewältigt haben und trotzdem fähig sind, eine Liebeserklärung an das Leben auszusprechen.
Maria Kalesnikava, Musikerin und Freiheitskämpferin aus Belarus hielt heuer die Festspielrede anlässlich der Salzburger Festspiele.
Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie menschlich wir bleiben.
Trotz allem, was ich erlebt habe, bleibe ich Optimistin. Nicht, weil ich die Gefahren nicht seh
Und auch nicht, weil ich keine Angst vor der Zukunft hätte. Im Gegenteil.
Ich weiß, wozu Angst, Gewalt und Hass fähig sind.
Aber ich weiß auch, dass Mitgefühl und Liebe stärker sein können als Gleichgültigkeit und Angst.
Maria Kalesnikava